Die fotografische Arbeit entstand während des Lockdowns in der Abgeschiedenheit der Dunkelkammer. Mit einer Großformatkamera aufgenommen, wurde der Film über einen Zeitraum von einer Woche bei minimalstem Lichteinfall belichtet. Die extreme zeitliche Ausdehnung des fotografischen Prozesses steht dabei im bewussten Gegensatz zur sonstigen Flüchtigkeit fotografischer Bilder.
Im Verlauf der Belichtungszeit setzte ein organischer Transformationsprozess ein: Das abgebildete Gemüse begann zu verrotten, verlor Wasser, schrumpfte und verformte sich. Diese Veränderungen manifestieren sich sichtbar in der Bildoberfläche, insbesondere in subtilen Verschiebungen der Farbigkeit und Textur. Das Motiv entzieht sich damit einer statischen Darstellung und wird selbst zum Akteur der Bildentstehung.
Die kleinformatige Serie thematisiert den Umgang mit Ressourcen und die alltägliche, oft unsichtbare Verschwendung von Lebensmitteln. Das fotografierte Gemüse stammt aus Überschüssen, die über eine mobile Applikation bezogen wurden — Waren, die zwar noch genießbar, jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr verkäuflich waren. Nach der Beschaffung wurde das Gemüse vorbereitet und zu einer kompositorischen Einheit arrangiert.
Die Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Stillleben, Zeitstudie und Prozessfotografie. Sie verweist auf Vergänglichkeit, auf den Wert von Nahrung und auf die langsamen, meist unbeachteten Veränderungen, die sich jenseits ökonomischer Verwertbarkeit vollziehen. Durch die Verbindung von Langzeitbelichtung und organischem Zerfall wird Fotografie nicht nur als abbildendes Medium verstanden, sondern als Raum, in dem Zeit, Materie und Bedeutung miteinander verhandelt werden.
text
roger frei

